Positionsbestimmung durch Peilung. Aber richtig.

Die Peilung verliert in der täglichen Navigationsroutine an Bord zwar immer mehr an Bedeutung, gehört aber zum unverzichtbaren Rüstzeug für angehende Skipper und Skipperinnen. Werfen wir also doch mal einen Blick auf die Praxis des Peilens.

Bereits bei der Ausbildung zum Schiffsführerausweis Binnen wird eine einfache Kreuzpeilung zur Positionsbestimmung verlangt:
Zwei Punkte am Ufer mit dem Handpeilkompass anvisieren, den Winkel ablesen und zwei Linien zu diesen Punkten mit dem entsprechenden Winkel in die Seekarte eintragen. Der Schnittpunkt der beiden Linien stellt unsere Position dar.

Doch ist das wirklich so einfach?
Welche Faktoren beeinflussen die Genauigkeit der Positionsbestimmung und wie können wir das Ergebnis handwerklich verbessern?

Werfen wir doch mal einen vertiefenden Blick auf die Praxis Positionsbestimmung mittels Handpeilkompass und begleiten unseren virtuellen Skipper Beat mit seiner Yacht „Good Hope“ und seiner Crew ein kleines Stück auf seiner Reise…

Die „Good Hope“, die wir ja schon aus dem Hochseescheinkurs bestens kennen, segelt grade von französischen Paimpol kommend in Richtung der Insel Jersey.

In der Umgebung der Yacht sieht Beat drei Seezeichen. In der Seekarte identifiziert er diese Steuerbord voraus als Kardinalzeichen Ost „Barnouic“ (Rot), ganz in der Nähe an Steuerbord den als „Roche Gautier“ bezeichneten West-Quadranten (Grün) und etwas weiter entfernt etwa in Kurslinie den markanten Leuchtturm „Phare Roche Douvre (Gelb).

Zur Zeit der Passage herrscht eher unruhiges Wetter: Zwar ist der Himmel klar und die Sicht gut aber eine alte Dünung, die aus Westen anrollt sowie ein munterer Wind aus Nordost gestaltet die Überfahrt doch etwas schaukelig.

Da Beat zwei Lernende für den schweizerischen Hochseeschein an Bord hat, lässt er die beiden eine klassische Positionsbestimmung mit dem Handkompass durchführen. Beide entschliessen sich dazu eine Kreuzpeilung durchzuführen.

Zwei Peilungen, zwei Positionen

Die beiden Lernenden, Reto und Fränzi, gehen mit jeweils eigenem Handkompass gleichzeitig ans Werk.

Während Reto schnell zunächst das Kardinalzeichen und dann den weiter entfernten Leuchtturm in Kurslinie peilt (rote Linien), lässt sich Fränzi mehr Zeit mit der Positionsbestimmung und peilt zunächst den Leuchtturm und dann den Ost-Quadranten (grüne Linien).

Als die beiden schliesslich ihre Positionen vergleichen stellen sie erstaunt fest, dass beide Positionen (roter und grüner Ob) unerwartet deutlich voneinander und auch von der mittels GPS ermittelten Position (Yachtsymbol auf der Karte) abweichen:

Beat hingegen ist über dieses Ergebnis weniger erstaunt, schliesslich hatte er es in etwa so erwartet.
Am Abend, im Hafen von St. Helier, kommt das Thema erneut auf den Tisch und Beat erklärt den beiden Novizen, was man handwerklich hätte besser machen können und wo die Grenzen der Genauigkeit bei der Peilung mit dem Handkompass liegen.

Er erklärt seiner Crew zunächst einmal kurz zusammengefasst die sechs goldenen Regeln zu besseren Peilergebnissen, ohne das Vorgehen des jeweils einzelnen zu werten:

Die sechs goldenen Regeln zur besseren Peilung

  1. 1. Peile nur Objekte, die Du auch sicher identifizierst.
  2. 2. Peile so genau wie möglich.
  3. 3. Peile so schnell wie möglich.
  4. 4. Wähle Objekte die möglichst zwischen 60° und 120° Winkelunterschied aufweisen.
  5. 5. Bevorzuge nahe Peilobjekte gegenüber weiter entfernten.
  6. 6. Peile zuerst die entfernten, dann die nahen Objekte.

1. Peile nur Objekte, die Du auch sicher identifizierst.

Im Prinzip kann jedes Objekt, dass auch auf der Seekarte abgebildet wird als Peilobjekt dienen.
Aber Geländeformen, die man nur aus Höhenlinien ableiten kann sind in der Natur deutlich schwieriger eindeutig voneinander zu unterscheiden als z.B. Leuchttürme, Kamine oder besonders hervorstehende, markante Felsen o.ä.

Aber auch ein Kamin kann schon einmal für ein Seezeichen gehalten oder eine Kirche mit einem Leuchtturm verwechselt werden. Das passiert besonders gern, wenn mehrere solche Strukturen im Sichtfeld vorkommen.

Im Foto oben siehst Du z.B. die Kathedrale von Palma, die sich hervorragend – weil gut erkennbar und eindeutig identifizierbar – als Objekt für eine Peilung anbietet. Die anderen Kirchen sind nur bedingt brauchbar, weil sie mehr Zeit und Arbeit erfordern um sie in der Seekarte eindeutig zu finden und zu identifizieren.

Die erste und auch wichtigste Regel lautet daher, dass wir grundsätzlich nur Objekte als Ausgangspunkt für unsere Peilung verwenden, bei denen wir uns absolut sicher sind um welches Objekt in der Seekarte es sich handelt.

Das wurde in unserem Beispiel gut befolgt, Reto und Fränzi peilten die richtigen Objekte.
Ich habe es aber auch schon erlebt, das am Horizont segelnde Yachten als Seezeichen in der Nähe fehlinterpretiert – und gepeilt – wurden.

2. Peile so genau wie möglich.

Zurück zu unserer Peilung. Hier siehst Du zusätzlich zu den „Standlinien“ der beiden Peilungen noch um jede dieser Linien herum eine Art transparenten Fächer, ausgehend vom Peilobjekt zum Zeitpunkt der jeweiligen Peilung:

Diese Fächer stellen den typischen Genauigkeitsbereich einer Peilung mit dem Handpeilkompass aus freier Hand und bei moderatem Seegang, wie er zum Zeitpunkt der Peilung herrschte, dar. Je ruhiger die Yacht fährt und um so geübter und mit dem Kompass vertrauter der Peilende ist, desto genauer wird das Ablesergebnis sein. Aber bei Seegang wird die Kompassnadel während der Peilung immer um den wahren Wert herum pendeln. Wir werden dieses Pendeln schliesslich intuitiv interpolieren und dann einen Peilwert festlegen.

Die Fächer sind also eigentlich die Umkehrung der zu erwartenden Fehlpeilungen – Einfach nicht vom Schiff aus gesehen, sondern vom Peilobjekt aus. Dort wo sich die jeweiligen Fächer überschneiden ist der Bereich in dem wir uns mit der höchsten Wahrscheinlichkeit befinden.

Je genauer Du also peilst, desto kleiner wird der Fehlerbereich der Peilung.

3.Peile so schnell wie möglich

Wenn wir weiter oben nochmal auf die Zeichnung mit den Fehlerbereichen schauen, wirst Du feststellen, dass sich das Boot ja schon aus dem Fehlerbereich der Peilung zum Seezeichen (rot) hinaus bewegt hat.

Während Reto zunächst das nahestehende Kardinalzeichen gepeilt hatte und dann den etwa in Kurslinie liegenden Leuchtturm, hatte sich das Boot schon mit gut 5 Knoten auf seiner Kursline weiter bewegt.

Da jeder Peilvorgang ca. eine Minute dauerte, war das Boot also bei Abschluss der zweiten Peilung bereits gut 300 Meter von seiner Position weg gesegelt. Das anschliessende Umwandeln des Peilergebnisses in eine rechtweisende Peilung und das Einzeichnen in die Seekarte führten dann nochmals zu einem Positionsversatz von gut 750 Metern. Insgesamt war das Boot also bereits fast eine halbe Meile gesegelt, als das Ergebnis der Position schliesslich feststand.

Da wir die Uhrzeit der letzten Peilung an die Position des bestimmten Ob in die Karte eintragen, erhalten wir einen Schnappschuss auf eine bereits in der Vergangenheit liegende Position, die nicht mehr mit der Aktuellen übereinstimmt.
Je schneller eine Peilung also abgeschlossen werden kann, desto genauer wird die in der Seekarte abgetragene Position schliesslich der aktuellen Position entsprechen.

Diese Regel beisst sich aber mit der vorhergehenden, in der wir dazu angehalten wurden so genau wie möglich zu peilen! Wir müssen also einen Kompromiss zwischen Genauigkeit und Geschwindigkeit anstreben, dessen Gesamtgenauigkeit nur durch handwerkliches Üben erhöht werden kann.

4. Wähle Objekte die möglichst zwischen 60° und 120° Winkelunterschied aufweisen.

Wenn wir mit unserem Druckminenbleistift unsere Peilung in die Seekarte eintragen, sieht diese 0,5 – 0.8 mm dicke Linie wie ein sehr genaues Ergebnis aus. Dort, wo sich diese beiden dünnen Linien schneiden, vermuten wir mit ziemlicher Sicherheit auch unseren Standort Ob.

Wie wir aber weiter oben bereits gesehen haben, sind wir nur bei ruhigem Wetter in der Lage eine einigermassen genaue Peilung durchzuführen. Einige Seeleute gehen von einer maximal erreichbaren Präzision von einem Grad aus, realistisch für uns Gelegenheitsskipper und -Matrosen sind wohl eher Genauigkeiten von zwei Grad oder mehr.

Bei den im Beispiel erwähnten Bedingungen war es für Reto und Fränzi wohl schon nicht ganz Einfach eine Genauigkeit von 10 Grad einzuhalten.

Die dünne Linie auf der Seekarte gaukelt uns hier also eine Genauigkeit vor, die meistens nicht gegeben ist.
Viel besser wäre es, wenn wir unsere Peilungen in Form eines Fächers mit dem Öffnungswinkel des maximalen Peilfehlers eintragen könnten. Dann würden wir den anzunehmenden Ob innerhalb der sich jeweils überlappenden Fläche annehmen. Ein paar Beispiele:

Ein nahes Seezeichen querab und ein weiter entferntes ca. in Kursrichtung:

Dieses Ergebnis ist schon nicht schlecht, oder? Die beiden Peilobjekte stehen ca. 90° zueinander und die Peilungen schneiden sich fast rechtwinklig. Das sollte doch in den kleinstmöglichen Peilfehler resultieren?

Schauen wir doch mal wie sich das Peilergebnis darstellt, wenn wir jetzt weiterhin das nahe stehende Seezeichen querab peilen, aber als zweites Objekt den Leuchtturm etwas ausserhalb an Steuerbord der Kursline als zweites Objekt wählen.

Obwohl die Peilwinkel flacher aufeinander treffen, ist die Genauigkeit der Peilung anscheinend besser.
Das liegt daran, dass sich der Fächer mit zunehmender Entfernung zum Objekt weiter öffnet, also der effektive Peilfehler mit zunehmender Entfernung zum Objekt zunimmt. Umgekehrt bedeutet es auch, dass nähere Objekte einen kleineren Peilfehler aufweisen. Da in unserem Beispiel der Winkelunterschied der beiden Peilungen immer noch über 70 Grad liegt und der „Fächer“ noch schmaler ist als bei der vorhergehenden Peilung, resultiert im Ergebnis die genauere Position.

Und wenn wir das querab liegende Seezeichen nun ignorieren und nur die beiden Leuchttürme voraus peilen?

Wie man gut sieht, vergrössert sich der Fehlerbereich je flacher die Peilwinkel zueinander stehen.
Am besten wird das Ergebnis also, wenn die zu peilenden Objekte zueinander einen Winkel von ca 60-120 Grad von uns aus gesehen ausmachen, die Peilungen also möglichst steil zueinander stehen.

5. Bevorzuge nähere Peilobjekte gegenüber den weiter entfernten.

Wie wir bereits weiter oben gesehen haben, nimmt der Peilfehler mit zunehmender Entfernung zum Peilobjekt zu: Der „Fächer“ öffnet sich.

Je näher wir uns also am Peilobjekt befinden, desto kleiner wird sich der Fehlerbereich am Ende präsentieren.

Aber auch diese Regel kommt mit einem kleinen Problem daher:
Wir befinden  uns während der Peilung meist auf einem sich bewegenden Objekt (Boot).
Und wir alle kennen das Phänomen, das die während der Fahrt näher stehenden Objekte schneller „auswandern“ als die entfernten. Dieser Effekt verstärkt sich, je weiter Querab die Objekte stehen und verkleinert sich bei Objekten mehr in Kursrichtung.

Je näher unsere Peilobjekte zu uns stehen, desto kleiner wird zwar der Fehlerbereich aber aufgrund der wachsenden Winkelgeschwindigkeit unserer Objekte muss die Peilung schneller ausgeführt werden um diesen Vorteil zu bewahren.

Reto hatte bei seiner Peilung also eigentlich einen guten Ansatz gewählt und das am nächsten stehende Peilobjekt querab und ein weiter entferntes nahe der Kursline gewählt.

Bei Beachtung der sechsten Regel hätte er sein Ergebnis aber massiv verbessern können:

6. Peile zuerst die entfernten, dann die nahen Objekte.

Oder wie die Engländer sagen: „Fast Last!“ – Das Schnelle zuletzt.
Denn als Reto sich entschloss zuerst das Kardinalzeichen zu peilen, fuhr unsere Yacht während der Aufnahme des Peilergebnisses und der anschliessenden Peilung des Leuchtturms gute 300 Meter weiter. Da er noch die Peilungen verwandeln und abtragen musste, bewegte sich unser Boot weitere 700 Meter weiter. Insgesamt waren wir also bereits gut eine halbe Meile weiter gesegelt, als Reto seinen Ob in die Seekarte eintrug.

Hätte Reto nun also zuerst den Leuchtturm auf Kurslinie gepeilt, wäre die Standlinie zwar aufgrund des Peilfehlers nicht so genau gewesen wie die des Kardnialzeichens. Aber die Peilung wäre „stehen“ geblieben, hätte sich also aufgrund von Kurslinie und Entfernung nur minimal geändert. Eine richtig gute „erste Standlinie“ also.

Die nahestehende Tonne querab wanderte allerdings recht schnell nach Achtern aus. Die Peilung veränderte sich also recht schnell. Wenn Reto das berücksichtigt hätte, wäre das Peilergebnis um ca. 30%, eben die 300 Meter versegeltem Weg, genauer geworden.

Besser Peilen

Nun werden wir niemals alle diese Regeln vollständig in Deckung bringen können. Schon das Erfordernis von gleichzeitiger Schnelligkeit und Genauigkeit wird uns zu Kompromissen nötigen.

Aber um eine möglichst genaue Positionsbestimmung mit dem Handpeilkompass durchzuführen ist die Kenntnis dieser Regeln doch durchaus nützlich.

Wenn man dann noch möglichst immer eine Dreistrichpeilung durchführt, verifiziert man nicht nur die jeweils beiden anderen Standlinien auf Gültigkeit, sondern erhält mit dem Fehlerdreieck auch noch einen sehr guten Indikator für die Güte des Peilergebnisses. 😉

Last, not least: Selbstverständlich versuchen wir uns während einer Peilung mit dem Handkompass von metallischen Strukturen und stromführenden Kabeln frei zu halten.

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Eine Antwort auf “Positionsbestimmung durch Peilung. Aber richtig.”

  1. 9. November 2018 at 14:00 #

    Leicht verständlich und trotzdem sehr differenziert beschrieben, danke!

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