Skipper über Bord.

Bei knackigen sechs Beaufort vertörnt sich während der Wende eine Schot im Bugbereich und blockiert. Nichts besonderes, das kommt öfter mal vor. Routiniert schwingt sich der Skipper aus dem Cockpit und hangelt sich in Richtung Vorschiff. Auf eine Sicherungsleine oder eine Rettungsweste verzichtet er bei den für ihn moderaten Bedingungen. Der Autopilot hält unterdessen die Yacht auf Kurs, schnell ist das kleine Problem behoben und er wieder auf dem Weg zurück.

Plötzlich reisst eine besonders hohe, seitlich auftreffende Welle den Bug herum. Der Skipper stolpert, verliert das Gleichgewicht und stürzt rücklings über die Reling in die See.

Seine Frau, als einziges Crewmitglied an Bord, sieht ihn in den Wellen winken und hört ihn etwas rufen. Aber der Autopilot hält eisern den Kurs. Langsam verschwindet er achterlich im Kielwasser. Derweil versucht die zurückgebliebene Ehefrau immer verzweifelter den Autopilot abzuschalten, denn leider hatten sie das nie zusammen geübt.

Das allein segelnde Paar: Eine Hochrisiko-Crew?

Ein solches Szenario ist leider keine Fiktion. Immer wieder liest man von ähnlichen Mensch-Über-Bord Unfällen die sich während eines Törns an Bord von Sportbooten ereignet haben. In vielen dieser Fälle ging die mit der Führung des Bootes vertraute Person, der Skipper oder die Skipperin, über Bord.

Wenn die an Bord verbliebene Crew mit dem nun notwendigen Rettungsprocedere nicht vertraut ist, ist das oft eine doppelte Katastrophe. Nicht selten enden solche Unfälle tödlich und verlängern die traurige Liste der „schweren Seeunfälle“, die z.B. die deutsche Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU), fortlaufend aktualisiert.

Besonders häufig sind Boote mit kleiner Crew, vielfach schon jahrelang allein segelnde und routinierte Paare oder Bekannte von solchen Vorfällen betroffen.

Der „Alte“, der alles allein macht.

Immer am Ruder: Der AlteAber ist wirklich der Skipper der alten Schule, der alles selbst macht, an diesem Dilemma schuld?

Vor allem in den vielen Marinas des Südens trifft man auf die Ferien-Crews die quasi zu zweit Einhand unterwegs sind und es sich in diesem Mechanismus durchaus bequem gemacht haben.

Die nötigen Handgriffe zum Festmachen der Yacht im Hafen sind bekannt. Die Leinen sind schnell belegt aber ein Training im Umgang mit Rettungsmitteln, Navigations- und Kommunikationsmitteln oder gar ein allein gefahrenes MOB-Rettungsmanöver ist bei kleinen Familiencrews vielfach nicht Bestandteil des Sicherheitsbriefings oder der gemeinsamen Segelausbildung.

Obwohl ich hier möglichst versuche Geschlechterneutral zu sein: Das Segeln ist meistens doch eher „sein“ Hobby und die Partnerin kommt halt immer wieder mit auf den Törn.
Vielleicht macht Ihr das Segeln ja eigentlich sogar Spass. Nur das bei den selbst probierten Manövern dann immer wieder nicht nur leise Kritik vom Partner kommt. Die geeignet ist, den Spass am eigenen Lernen und Manövrieren nachhaltig zu verderben.

Das ist Schade, denn um Resignation in Begeisterung umschlagen zu lassen braucht es manchmal gar nicht viel.
Etwas Toleranz, gleichberechtigte Kommunikation und die Fähigkeit eines Skippers, Dinge einfach mal passieren zu lassen um sie dann später gemeinsam zu besprechen und halt notfalls nochmal zu üben sollte eigentlich schon ausreichen um aus einer Urlaubscrew eine echte Segelcrew werden zu lassen. Eine Crew, die die Manöver gemeinsam mit einem Grinsen im Gesicht ausübt und einfach nur Spass am Segeln hat.

Positiver Nebeneffekt: Jedes Crewmitglied kann dann im Notfall ein MOB-Manöver, einen Quickstop fahren und ist in der Lage mit den an Bord vorhandenen Kommunikationmitteln Hilfe herbei zu rufen.

Warum man ein solches Training immer wieder mal gemeinsam wiederholen und grade den Umgang mit Krisensituationen dabei vertieft üben sollte, schreibt die BSU in einer Pressemitteilung übrigens ganz treffend:

Hinweis Hilfestellung und Information

Feststellung der deutschen Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung zu einem tödlich verlaufenen Seeunfall im Jahr 2015:

Aus Sicht der BSU gibt es außer einer fundierten Ausbildung und fortwährendem Training kaum Möglichkeiten, das der menschlichen Natur wesenseigene Verfallen in Hektik in einem emotionalen Ausnahmezustand zu verringern. Diese allgemeingültige Feststellung gilt im besonderen Maße im Bereich der Sportschifffahrt.

Gerade dort ist es regelmäßig so, dass die Betreiber dieses Hobbies sich nicht tagtäglich mit besonderen Gefahrensituationen konfrontiert sehen. Anders als professionell agierende Rettungskräfte (bspw. Seenotretter, Feuerwehr, Bergrettung) sind die
Nutzer von Sportbooten, selbst wenn sie eine gute Ausbildung genossen haben und jahrelang ihrem Hobby nachgegangen sind, in der Natur der Sache liegend nicht besonders darauf geschult, in einem Seenotfall geradezu reflexartig richtig zu reagieren.

Umso größere Bedeutung gewinnt daher insbesondere im Bereich der Sportschifffahrt der Aspekt einer quantitativ sowie qualitativ ausreichenden Ausrüstung mit Rettungsmitteln. Untrennbar damit verbunden ist die Notwendigkeit, sicherzustellen, dass die diesbezüglich vorhandenen Ausrüstungsgegenstände auch tatsächlich eingesetzt werden.

Quelle:
http://www.bsu-bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2017/Pressemitteilung_11_17.pdf

Was Du selbst tun kannst

Eigentlich ist es ja ganz einfach: Wenn man sich an rudimentäre Sicherheitsstandards hält und bei der Sicherheits- und Creweinweisung dafür sorgt, dass die Crew mit den an Bord vorhandenen Notfall-Einrichtungen umgehen kann, sollte nicht viel passieren.

Aber wie es halt so ist. Man hat eine Woche Zeit für den Törn und eine umfassende Einweisung oder gar ein Training der wichtigsten Segelmanöver stören im Urlaub. Ausserdem funktioniert die Kommunikation innerhalb einer Gruppe sich gute kennender Menschen meist anders als wenn ein fremder Skipper oder Trainer an Bord wäre. Da muss man als Skipper schon mal etwas Toleranz aufbringen und Langmut beweisen. Nicht immer einfach.

Aber es lohnt sich. Nicht nur, dass im Notfall eine bessere Chance auf Rettung besteht. Auch die Segelmanöver und der gesamte Törn wird entspannter ablaufen und allen Beteiligten noch mehr Spass machen.

Selbstverständlich sollte es sein, dass das Cockpit während der Fahrt mit kleiner Crew nur mit einer Rettungsweste verlassen wird und man sich dabei mit einer Lifeline gegen Überbordfallen sichert.

Mehr passive Sicherheit durch moderne Kommunikationstechnik auf See.Da ich öfters mit mir fremden Crewmitgliedern und auch kleiner Crew unterwegs bin, habe mir noch ein kleines Technik-Gadget gekauft und in meiner eigenen automatischen Rettungsweste installiert.

Die kleine „Personal Locator Boje“ bietet mir gefühlt etwas mehr Sciherheit, falls ich mal über Bord gehen sollte. Das gradezu winzig kleine Gerät wird in die Rettungsweste integriert und vor dem Törnbeginn mit der MMSI der aktuell besegelten Yacht programmiert. Das geht ganz einfach und innert Sekunden mit einem Handy oder Tablet. Dann muss man das Teil nur noch aktivieren.

Sobald man ins Wasser fällt und die Rettungsweste auslöst, wird ein MOB-Alarm über AIS ausgelöst. Damit wird ein MOB-Alarm mit meiner genauen Position auf jedem Schiff im Umkreis von ca. 5 Seemeilen auf dem Plotter angezeigt, sofern dieses mit AIS ausgerüstet ist. Das ist bei jedem kommerziellen Schiff der Fall, damit sollte ich im Ernstfall in den Seegebieten in denen ich normalerweise unterwegs bin relativ einfach zu finden sein.

Gleichzeitig funkt meine Rettungsweste unsere Yacht über DSC an und übermittelt eine Art digitalen Notruf an unser eigenes Boot. So merkt die Crew, das jemand über Bord gegangen ist und erhält via AIS sogar noch die Position – fast auf den Meter genau.

Zusätzlich kann man die von mir verwendete Rescue ME MOB 1 Personal Locator Boje auch noch für einen jeweils manuell auszulösenden, echten DSC-All-Ships Distress Call freischalten. Dieser wird nach erfolgreicher Freischaltung (in der Schweiz möglich) aktiviert, in dem man den „On“-Knopf nach bereits erfolgter Aktivierung für 5 Sekunden gedrückt hält. Damit kann man direkt aus dem Wasser heraus die Seerettung und Küstenwache alarmieren.

Im Gegensatz zu satellitenbasierten EPIRB-PLBs, die weltweit funktionieren, alarmieren die AIS-Bojen allerdings nur Schiffe und Funkstationen im Umkreis von max. ca. 5 Seemeilen. Dafür muss man diese aber nicht bei einer Netzagentur registrieren, was z.B. für Charterer bei EPIRB-Bojen nicht möglich ist, weil diese auf das jeweilige Schiff registriert werden und nicht auf eine Person.

Nicht nur ich fühle mich durch dieses Teil nun etwas besser abgesichert, auch für die den eventuell daheim gebliebenen gibt dieses Gerät etwas mehr gefühlte Sicherheit.

Gekauft habe ich es seinerzeit via Amazon bei WetSuiteOutlet.com, die Preise dort erschienen mir sehr günstig 😉

Personal Locator Boje Recue ME MOB 1 mit AIS und DSC Distress Alarm an die eigene Yacht und an „All-Ships“: http://amzn.to/2DgHbFo

Am wichtigsten ist es aber immer noch, alles dafür zu tun nicht über Bord zu gehen.

Ausserdem sollte immer mindestens noch eine zweite Person an Bord in der Lage sein, die im Notfall nötigen Manöver und Prozeduren durchzuführen. Wenn man zu zweit unterwegs ist, dann muss also die zweite Person meiner Meinung nach dazu zwingend in der Lage sein.

Was andere tun können.

Als ich seinerzeit die ersten Male mit meiner Familie, damals noch mit Kindern im Unterstufenalter, unterwegs war, merkte ich schnell wie schwierig eine gute Kommunikation und Einweisung in die Abläufe an Bord mit sehr vertrauten Menschen ist.

Als mein jüngster Sohn vor einigen Jahren selbst Segeln lernen wollte, schickte ich ihn zur Segelschule Thunersee zur D-Schein Ausbildung. Eine gute Idee, wie ich finde. Es war zwar teurer als wenn ich das Segeln selbst gelehrt hätte, ich bin aber davon überzeugt, dass das Lernen effektiver war.

Die Kommunikation mit persönlich unbekannten Trainern erleichtert nicht nur das Lernen. Auch die festen Rollen, die ein jeder in seiner Familie einnimmt sind meiner Meinung nach vielfach ein Hemmnis wenn es um das Training an Bord eines Segelbootes geht.

Bei meiner Recherche habe ich aber nur genau einen einzigen Anbieter gefunden, der Manöverkurse ausschliesslich für gemeinsam segelnde Paare anbietet. Es ist ja auch eine Herausforderung – Aber eine, die sich lohnt!

Ich möchte daher gerne auch auf dieses empfehlenswerte Angebot hinweisen.

Das Paar-Skippertraining:
https://www.oceans-eleven.de/paar-skippertraining.html

Es liegt in der Verantwortung von jedem Einzelnen, nicht nur des Skippers oder der Skipperin, zur Sicherheit an Bord beizutragen. Trage also als Skipper dazu Sorge, dass Deine Crew die Notfallabläufe versteht und auch anwenden kann. Übe es bei Törnbeginn mit der Crew. Es kann sein, dass grade Du es bist, der die Hilfe benötigt!

Wie immer freue ich mich auch über Deine Meinung zum Thema oder über Tipps zur Sache.
Schreib mir einfach über das Kommentarfeld, sobald ich Zeit habe werde ich gern antworten.

Illustration: Sailing Boat Yacht in Rough Sea Waves © Darren Baker – Fotolia.com
Skipper am Ruder: Senior steurt Segelboot © detailblick-foto – Fotolia.com

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2 Antworten auf “Skipper über Bord.”

  1. 24. September 2018 at 20:02 #

    Hallo Uwe,
    toller und wichtiger Beitrag. Ich habe ihn mit grossem Interesse gelesen, da ich nächstes Jahr drei Monate auf der Ostsee unterwegs sein werde.
    Wie ist das mit der von Dir beschriebenen Personal Locator Boje? Diese sendet über AIS. In der Sportschifffahrt werden aber nur Geräte angeboten, deren AIS-Signal in Funk-Zeitfenstern gesendet werden, weil das AIS-Signal der Berufsschifffahrt Vorrang hat. Das kann, je nach Revier, zu einer grossen, zeitlichen Verzögerung führen. Hast Du dazu nähere Infos oder Erfahrungen?
    LG Sergio Jost

  2. 25. September 2018 at 06:54 #

    Hallo Sergio,
    vielen Dank für Dein Feedback.
    Soweit ich das recherchieren konnte, geht der MOB via AIS direkt raus und wird dann auf allen Plottern, auch auf denen der gewerblichen Schifffahrt, als normiertes Notsignal angezeigt. Durch die Möglichkeit via Webinstaller noch die MMSI der „eigenen“ Yacht in die PLB zu programmieren, gibt es parallel noch die Möglichkeit einen Alarm mit Distress-Koordinaten via DSC auszusenden und einen „ALL-SHIPS“ Distress auszulösen.
    Ich denke, für ein Device in dieser Grösse ist das schon ziemlich okay.
    Weil die EPIRB Komponente fehlt, ist dieses Teil allerdings nur in küstennaher Fahrt in gut befahrenen Gebieten wirklich empfehlenswert, so richtig Offshore sollte die Satellitenalarmierung mit dabei sein. Das führt dann aber wieder zu der Problematik der Registrierung der PLB auf eine Person…

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